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Angespielt: Shenmue III

Schlappe 18 Jahre hat es gedauert, bis Segas einstiges Mastermind Yū Suzuki die Kohle zusammenkratzen konnte, um die Fortsetzung seines legendären Epos Shenmue zu realisieren. Dank einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne kommen Fans der Dreamcast-Reihe nun tatsächlich in den Genuß, sich mit Ryo Hazuki weiter auf die Suche nach dem Mörder seines Vaters zu begeben. Shenmue III ist ab sofort für den PC und die PS4 verfügbar.

Natürlich war auch ich einer Derjenigen, der vor vier Jahren bereitwillig etwas Geld locker machte, ganz in der Hoffnung, dass diese ambitionierte Spielereihe endlich weitergeführt wird. Ambitioniert deshalb, weil Sega mit dem ersten Teil von Shenmue das Open-World-Genre, wie wir es heute kennen, quasi definierte. Unzählige Nachahmer folgten seitdem und populäre Titel, wie die GTA- oder Yakusa-Reihe bauten auf dem Fundament auf, dass mit Shenmue 1999 gelegt wurde.

Aber genug der Vorschusslorbeeren, wie spielt sich Shenmue III denn nun? Ich habe jetzt die ersten 10-12 Stunden in das Spiel versenkt und kann dazu nur sagen, eigentlich genauso wie vor 18 Jahren. Mit allen Vor-, und Nachteilen. Fangen wir aber mit den positiven Aspekten an: Dank der bewährten Unreal-Engine sieht das chinesische Hinterland der 1980er-Jahre wirklich wunderhübsch und detailliert aus. Realistisch animierte Bäche plätschern vor sich hin und die Kirschblüten schweben im Sonnenuntergang sehr malerisch zu Boden. Man muss allerdings schon eingestehen, dass die Grafikpracht nicht ganz mit aktuellen AAA-Titeln mithalten kann (achtet nur mal auf die starren Gesichter). Das darf man bei einem über Crowdfunding finanzierten Game aber auch nicht ernsthaft erwarten. Die Animationen der Spielfiguren sehen dafür wesentlich flüssiger aus, als in den Vorgängern, was dem Spielfluss sehr zu Gute kommt. Die Darstellung der verschiedenen Charaktere ist serientypisch überzeichnet, was aber aber einen eigenen Charme besitzt, wie ich finde. Ein gutes Beispiel hierfür ist der „etwas aus der Form geratene“ Tai-Chi-Meister Su Zixiong, der im ersten Abschnitt des Spiels kleine Kinder auf dem Dorfplatz unterrichtet. Für alle, die mit der japanischen Synchronisation (inkl. deutscher Untertitel) nur wenig anfangen können, gibt es natürlich auch wieder eine englischsprachige Vertonung. Glücklicherweise konnte Corey Marshall erneut als Sprecher des Protagonisten Ryo gewonnen werden. Seine dezent gelangweilte Betonung ist vielleicht nicht jedermanns Sache, gehört für mich aber einfach zur Serie dazu. Auch das Kampfsystem hat nochmal an Komplexität zugelegt. Neue Combos müssen im Dōjō erlernt und Fähigkeiten mittels Übungen ständig verbessert werden. Nur so schafft ihr es, euch gegen die zahlreichen Kontrahenten im Verlauf des Spiels zu erwehren.

Wo Licht ist, ist aber natürlich auch Schatten. So kann Shenmue III (wie bereits seine Vorgänger) eine gewisse Behäbigkeit im Spielverlauf nicht verleugnen. Der Tag- und Nachtwechsel zwingt euch immer wieder zu ungewollten Schlafpausen, die euch teilweise gehörig aus dem Rythmus bringen. Auch die größtenteils repetitiven Nebenquests, um an wichtige Informationen zu gelangen, sind nicht unbedingt zeitgemäß. So müsst ihr schon mal 1-2 (Spiel-)Tage opfern, um genug Geld beim Holzhacken oder Angeln zu verdienen, um damit eine spezielle Flasche Schnaps kaufen zu können, die ein lichtscheuer Sensei im Dorf haben möchte, damit er euch eine neue Schlagfolge beibringt, die ihr widerum benötigt, um einen fiesen Schläger in seine Schranken zu weisen. Gutes Sitzfleisch musste man bei Shenmue aber schon immer mitbringen. Wer eine Auszeit vom „hektischen“ Spielbetrieb haben möchte, darf seine Zeit auch wieder mit mehr oder weniger spannenden Minispielen totschlagen. Wie aufregend hierbei zum Beispiel Krötenrennen oder Glücksspiele ala Pachinko sind, muss jeder selbst beurteilen. Auch das alte Manko der strunzdummen NPCs, die auch nach der fünften Ansprache mit dem immer selben Satz antworten und euch wie beim ersten Mal begrüßen, wurde leider nicht behoben. Ihr müsst euch also durch teilweise sehr lange und oft auch erkenntnisarme Konversationen klicken, bis ihr schlussendlich die Antwort bekommt, dir ihr benötigt, damit die Story im Spiel weiter geht.

Fazit: Ich freue mich nach wie vor riesig, endlich die Fortsetzung der Shenmue-Reihe spielen zu dürfen. Unbedingt erwartet habe ich das ja nicht mehr. Wobei ich erwähnen muss, dass ich die Vorgänger erst unlängst in dem HD-Remake für die PS4 so richtig kennengelernt habe. Bis dahin habe ich meinem Kumpel immer nur beim Spielen auf der Dreamcast über die Schultern gesehen. Über die etwas altbackene Präsentation und das sehr gemächlichen Spieltempo kann ich hinwegsehen. Auch wenn es sich beim stumpfen Holzhacken oder dem Einprügeln auf Holzpuppen schon manchmal anfühlt, als ob mir die Entwickler mit ironischem Grinsen einen Teil meiner kostbaren Lebenszeit stehlen möchten. Aber egal, auch wenn die Story langsam vor sich hin plätschert, so habe ich dennoch das Gefühl, immer tiefer in die Geschichte einzutauchen. Man findet ein Puzzle-Teil nach dem anderen und der Showdown mit dem mysteriösen Mörder Lan Di rückt in greifbare Nähe. Wer bei Shenmue III ein actiongeladenes, stringentes Abenteuer im Stile von Uncharted oder Red Dead Redemption erwartet, wird enttäuscht. Man darf sich von der zeitgemäßen Optik nicht täuschen lassen. Auch der dritte Teil von Shenmue bleibt seinen Wurzeln treu und bietet Fans der Serie genau das, was sie haben wollen: Mehr vom Alten, ohne sich dabei allzu sehr an moderne Spielmechaniken anzugleichen. Für mich ist Shenmue III einfach ein gutes Retro-Game in neuem Gewand. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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