Flipper Game Boy Spieletests

Revenge of the Gator

  (HAL Laboratory, 1989)

Das altmodische Vergnügen, eine silberne Kugel mit der Hilfe von zwei sogenannten „Flipperfingern“ über einen blinkenden Tisch zu jagen und dabei den Highscore in die Höhe zu treiben, ist sogar für viele Retro Gamer schwer nachzuvollziehen. Bei mir ist das allerdings anders. Ich stand schon als Kind voller Begeisterung an den lauten, scheppernden Automaten und habe das Kleingeld meiner Eltern verjubelt, nur damit am Ende diese verdammte Silberkugel doch wieder viel zu früh im Abgrund verschwindet.

Die große Kunst besteht aber natürlich darin, die Kugel gezielt auf bestimmte Bumper und Rampen zu manövrieren, um so möglichst viele Punkte abzustauben. Im Laufe der Zeit wurden die (anfänglich größtenteils mechanischen) Spielautomaten immer ausgefeilter und es kamen digitale Displays, sowie bewegliche Rampen und Figuren auf dem Tisch hinzu. Das größte Problem für minderjährige Zocker bestand allerdings darin, überhaupt in die Nähe eines Pinball-Automaten zu kommen. Schließlich galt in den verrauchten Spielhallen damals striktes Jugendverbot. Aber glücklicherweise gab es ja eine Alternative: Flipper-Simulationen auf der Konsole!

Puuh, was für eine langatmige Einleitung 😉 Aber ich hoffe, ihr könnt meine Faszination für diese Mischung aus Geschicklichkeits- und Glücksspiel jetzt etwas besser nachvollziehen. Als ich mir mit 12-13 Jahren endlich einen Game Boy bei meiner Oma erbettelt hatte, war die Spieleauswahl für Nintendos tragbare Konsole noch ziemlich überschaubar. Neben dem beigelegten Knobel-Klassiker Tetris waren 1990 gerade mal eine handvoll Games, wie beispielsweise Super Mario Land, Solar Striker oder Tennis verfügbar. Zusätzlich stand da aber auch eine interessante Pinball-Simulation namens Revenge of the Gator im Verkaufsregal und als Flipper-Fan war mir ziemlich schnell klar, welches Spiel ich mir als nächstes von meinem hart ersparten Taschengeld zulegen würde.

Besser als die Realität?

Sicherlich nicht die erste Wahl für die meisten Gameboy-Besitzer zu dieser Zeit, aber ich habe meine Entscheidung nicht bereut. Ganz im Gegenteil, Revenge of the Gator, das übrigens von den Kirby-Erfindern HAL Laboratory entwickelt wurde, machte mir schlagartig klar, dass virtuelle Flipper einige Vorzüge im Vergleich zu „echten“ Automaten haben. Bis dahin kannte ich Flipper-Spiele höchstens als (mehr oder weniger) originalgetreue Umsetzungen ihrer physikalischen Vorbilder (z.B. Pinball für das NES). Revenge of the Gator zeigte aber gleich von Beginn an, dass es sich um ein „echtes“ Videospiel handelt.

Die über den gesamten Flippertisch verteilten Alligatoren sorgen mit ihren witzigen Animationen sofort für Schmunzler. Werden sie von einer Kugel getroffen, ziehen sie beispielsweise ihre Schnauze ein oder verdrehen verdutzt die Augen. Mit solchen Spielereien kann ein realer Flipper eben nicht aufwarten.

Technik-Check

Die oft zitierte Ballphysik ist für damalige Verhältnisse ziemlich realistisch, auch wenn die Kugel ab und an etwas hakelig um die Ecken ruckelt. Mich stört dieses Manko aber bis heute wenig und so hatte ich stets das Gefühl, eine gute Kontrolle über die Kugel zu haben. Gesteuert wird übrigens mit dem Steuerkreuz und A bzw. B, was sehr intuitiv ist und nach wenigen Minuten in Fleisch und Blut übergeht.

Der (einzige) Flippertisch ist insgesamt vier Bildschirme hoch und je nachdem, wo sich die Kugel gerade befindet, wird einfach auf den nächstgelegenen Bildausschnitt gewechselt. Über ein scrollendes Spielfeld, wie bei anderen Vertretern auf dem Game Boy, verfügt Revenge of the Gator leider nicht. Dies ist aber vor allem der frühen Veröffentlichung in der Lebensspanne der Konsole zuzuschreiben.

Ansonsten werden alle Elemente geboten, die man von einer Pinball-Simulation erwartet: Bumper, Multiplikationsfelder und Ball-Fallen. Zudem öffnen sich die Tore zur nächsten Ebene erst, nachdem die entsprechenden Schalter umgelegt wurden. Garniert wird das Ganze mit drei Bonus-Stages, die vom Spielprinzip her stark an den Klassiker Breakout, auch bekannt als Arkanoid erinnern.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Die Spielgrafik ist zwar schlicht gehalten, trägt dadurch aber auch zur besseren Übersichtlichkeit auf dem monochromen Bildschirm bei. Die nett animierten Krokos versprühen aber gerade wegen ihrer simplen Darstellung jede Menge Charme. Besonders witzig finde ich den Alligator auf dem untersten Bildschirm, der die herunterfallenden Kugeln mit sichtbarem Appetit verspeist, sobald sie euren Flipperarmen entwischen. Musikalisch werden Gameboy-typische Melodien und Soundeffekte geboten, die sicherlich nicht zum Nonplusultra auf der Konsole gehören, aber gut zum Spielgeschehen passen.

Fazit: Revenge of the Gator hat sich erstaunlich gut gehalten und das, obwohl es nur einen einzigen Spieltisch zur Auswahl gibt. Aktuelle Vertreter, wie Marvel Pinball Epic Collection oder Zen Pinball (u.a. für PS4 und Xbox One) trumpfen da natürlich mit mehr Vielfalt und Umfang auf, aber anno 1990 war man solchen Luxus noch nicht gewohnt. Was bleibt, ist eine klassische Flipper-Simulation in Cartoon-Optik, die immer wieder für ein Spiel zwischendurch gut ist. Der Schwierigkeitsgrad ist moderat und mit ein bisschen Übung, lassen sich schon bald ordentliche Highscores erzielen. Falls ihr tatsächlich noch einen Mitspieler (inklusive zweitem Modul und Link-Kabel) auftreiben könnt, kommt ihr zudem in den Genuß von zwei Multiplayer-Varianten. Auch wenn sich der Wiederspielwert auf Dauer natürlich in Grenzen hält, vergebe ich wohl verdiente drei von fünf Silberkugeln!

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